Die Büchse der verzaubernden Worte

 

Es war einmal eine junge Magd. Sie lebte auf einem kleinen Hof einer Bauersfamilie. Der Hof stand am Fuß eines großen Berges, es war dort immer dunkel und schattig. Dementsprechend waren auch die Gemüter der Bewohner und die junge Magd litt sehr. Die Familie handelte hauptsächlich mit Brot und Schweinefleisch, weshalb die Aufgaben der Magd vor allem der tägliche Gang zum Markt waren, um die Waren des Hofes anzupreisen und zu verkaufen. Sie führte den Stand und sollten einmal nicht alle Waren ausverkauft worden sein, gab es für sie nur die Reste zum Abendbrot.

Die junge Magd hatte zwei Lichtblicke in ihrem Leben. Zum einen den gutaussehenden Knecht vom Nachbarshof, der für sein handwerkliches Geschick bekannt war und im ganzen Umkreis für Reparaturen aller Art zu Rate gezogen wurde. Sie hatte schon lange ein Auge auf ihn geworden und immer, wenn er auf ihren Hof kam, um etwas zu warten, ging für sie die Sonne auf. Eine Beziehung zwischen ihr und dem Knecht war natürlich unmöglich, weshalb sie ihr Interesse aneinander für sich behielten.

Der zweite Lichtblick in ihrem Leben war das Lesen. Ihre Leidenschaft für das geschriebene Wort entstand in ihrer frühen Kindheit, als ihre Mutter ihr jeden Abend zum Zubettgehen vorgelesen hatte. Leider starb sie wenige Jahre nach der Geburt des Mädchens an Skorbut. Fortan las die junge Magd, wann immer sie ein Buch in die Hand bekam, was leider auf dem Hof der Bauersfamilie zur Rarität wurde. Ab und an tauschte sie etwas Schweinefleisch und Brot heimlich gegen ein Märchenbuch oder ein Abenteuer Buch auf dem Markt und versteckte es zwischen ihren Röcken in der Kommode. Das Lesen eröffnete ihr eine Welt, eine traumhafte Welt, wo alles möglich war und ihre Fantasie unendlich.

Eines nachts lag die junge Magd auf ihrer Pritsche und hörte ein schabendes Geräusch. Nächtliche Geräusche waren auf ihrem Hof keine Seltenheit, doch dieses klang, als ob jemand versuchte ihr Fenster zu öffnen. Sie stieg aus dem Bett und schlich zum Fenster. Es war stockdunkel. Da sah sie plötzlich eine Bewegung vor ihrem Fenster und sprang zurück. Der Knauf drehte sich und das Fenster schwang auf. Plötzlich wurde die junge Magd von einem hellen Licht geblendet. Eine Lichtkugel schwebte vor ihr in der Luft und beleuchtete eine mittelgroße Frau mit Kapuze und schwarzem Umhang, die plötzlich in ihrem Zimmer stand. Die junge Magd wollte einen spitzen Schrei ausstoßen, doch kein Ton entrang ihrem Mund. Die Frau nahm die Kapuze ab, sie war alt, hatte schlohweißes Haar und eingefallene Wangen.

„Sprich nicht mein Kind, wir wollen doch niemanden wecken“, sagte die alte Frau. Ihre Stimme war kratzig, als wäre sie nur noch selten in Gebrauch. „Setz dich mein Kind, ich habe ein Geschenk für dich.“ Die Magd setzte sich hin, ohne das selbst initiiert zu haben. Kontrollierte die alte Frau ihren Körper?

„Heute ist eine besondere Nacht mein Kind. Es ist mein eintausendster Vollmond. Das bedeutet meine Zeit ist abgelaufen. Es wird Zeit mein Geschenk weiterzugeben. An dich mein Kind. Es ist ein Geschenk, das dich für die nächsten eintausend Vollmonde begleiten wird. Verwende es vorsichtig, gütig und für das Gute. Dann wirst auch du dein Glück finden.“ Die alte Frau nahm die Hand der jungen Magd, ein gleißender Blitz erschien, die Magd zuckte vor Schmerz zusammen und alles war vorbei. Der Schmerz war verflogen, sie konnte sich wieder frei bewegen und vor ihr lag ein Bündel. Sie hob es auf, es war der Umhang der alten Dame. Und die alte Dame? Verschwunden.

***

Die junge Magd fuhr über den Stoff des Umhangs. Er war weich und warm. Vorzügliche Qualität. Sie streifte ihn über und fühlte sich mächtig, besonders. Sie musste lachen. Sie und besonders? In einem anderen Leben vielleicht. Wer war die alte Frau? Von welchem Geschenk hatte sie gesprochen und woher kam das seltsame Licht? Plötzlich verspürte die junge Magd eine bleierne Müdigkeit, sie legte sich zurück auf ihre Pritsche, wickelte sich in den Umhang und schlief zum ersten Mal seit sehr langer Zeit sehr gut, tief und ohne zu frieren.

Am nächsten Morgen zog die junge Magd sich bei Sonnenschein für den Markt an. Sie trug wie immer ein Leinenkleid und eine Haube, die ihr Haar verdeckte. Sie holte sich ihre täglichen Waren im Stall ab und machte sich auf den Weg zum Markt. Den Umhang hatte sie in einen ihrer Körbe geschmuggelt. Sie konnte nicht sagen wieso, aber er kam ihr wichtig vor und sie wollte nicht, dass ihn ihr auf dem Hof jemand stahl.

Der Markt war wie immer brechend voll. Alle Schausteller bereiteten ihre Auslagen vor, es duftete nach frischem Brot und exotischen Gewürzen. Die junge Magd bereitete zügig ihren Stand vor, als auch schon die ersten Kunden eintrafen. Sie machte ein gutes Geschäft und war schon fast ausverkauft, als die Sonne gerade an ihrem höchsten Punkt stand. Da kam ein junger Mann vorbei und verteilte Flugblätter.

Macht euch bereit ihr lieben Leute, die Prinzessin wird uns besuchen! Wir erwarten von jedem Hof eine Spende zum Festmahl von mindestens einer Woche Ernte. Die Lieferungen sind direkt an unser Rathaus zuzustellen, wo die Prinzessin für drei Tage residieren wird. Alle Bewohner sind angewiesen, ihr die Ehre zu erweisen, ihr zu danken und ihr alles Gute für ihre Zukunft am Königshof zu wünschen.

Die junge Magd las die Zeilen. Sie strich über das Blatt Papier, Pergament, gute Qualität – genau das richtige, um den Besuch der Prinzessin zu verkünden. Die Königin ihres Landes würde in drei Vollmonden abtreten und ihre älteste Tochter würde den Thron besteigen. Bis es soweit war, musste sie einmal durch alle großen Orte reisen und ihr Volk kennen lernen. Wie aufregend! Wie gerne sie schon immer mal eine echte Prinzessin kennen lernen wollte! Womöglich konnte sie ihre Bauersfamilie überreden, dass sie die Gaben an die Prinzessin überbringen durfte. So könnte sie die Prinzessin hautnah erleben. Sie schaute von dem Stück Papier auf und ihr stockte der Atem. Die Welt war wie eingefroren.

Der ganze Markt war verstummt. Kein Geräusch war zu hören und niemand bewegte sich. Wie konnte das sein? Was war passiert? Die junge Magd hob ihre Hand. Alles funktionierte einwandfrei. Wieso konnte nur sie sich bewegen? Da sah sie kleine Lichtpunkte von ihrem Flugblatt aufsteigen. Sie versuchte eins zu erhaschen und vollführte dabei eine Kreisbewegung über dem Blatt. Plötzlich veränderte sich alles um sie herum. Die Geräusche kamen zurück. Festtagsmusik erklang. Alle Menschen hatten ihre besten Gewänder an. Sie stellten sich alle nebeneinander in einer Reihe auf, in der Mitte ein großer Durchgang, als plötzlich Hufgetrappel erklang. Eine große und imposante Kutsche fuhr vor. Der Kutscher zügelte sein Pferd. Er stand auf, blies in seine Trompete und verkündete: „Bitte heißen Sie Ihre Majestät, die Prinzessin, willkommen!“ Aus der Kutsche stieg eine junge Frau aus, so wunderschön in ihrem goldenen Kleid und mit ihrem blitzenden Diadem auf dem Haar, dass es allen die Sprache verschlug. Da fingen alle an zu klatschen und der Prinzessin zuzujubeln. Die junge Magd beobachtete das Geschehen ungläubig. Wo kam die Prinzessin her? War es schon soweit? Was war passiert? Sie sah zurück auf ihr Flugblatt, kleine Lichtpunkte fielen darauf hinab. Sie schaute noch einmal zur Prinzessin. Diese schaute ihr direkt in die Augen, lächelte und zwinkerte ihr zu. Die junge Magd vollführte wieder eine Kreisbewegung über dem Flugblatt und war zurück auf dem Markt.

Das Marktgeschrei war groß, alle Menschen gingen ihren normalen Verpflichtungen nach. Was war das? Habe ich das Gelesene wahr gemacht? Die Magd starrte mit offenem Mund auf ihre Hände, dann das Flugblatt, dann raffte sie ihre Röcke und rannte. Sie rannte, ohne zurück zu schauen in Richtung des Hofes, wo ihr geliebter Knecht lebte. Sie musste mit ihm sprechen. Sofort. Hatte die alte Frau ihr eine Gabe geschenkt? Eine Gabe, die es ihr ermöglichte, das geschriebene Wort zum Leben zu erwecken?

***

Die junge Magd brauchte nicht lange zum Hof. So schnell war sie in ihrem ganzen Leben noch nicht gerannt. Schon von weitem sah sie den Knecht auf dem Hof, er war mit dem Reparieren des Rades einer der Hofkarren beschäftigt. Als er sie hörte, schaute er nach oben und seine Augen weiteten sich. Die junge Magd warf ihn fast zu Boden mit so viel Schwung versuchte sie abzubremsen. Sie war vollkommen außer Atem, brachte nur unzusammenhängendes Gestammel heraus und keuchte. Der Knecht nahm sie am Arm, zog sie hinter den Stall und befahl ihr, sich zu beruhigen. Seine Augen waren weit aufgerissen und er hatte Angst in den Augen.

„Was ist passiert? Sprich mit mir!“, drängte der Knecht.

„Letzte Nacht …. Alte Frau … Geschenk … Lichtpunkte … Umhang … angehalten … Prinzessin“, stammelte die junge Magd. Der Knecht verstand kein Wort. Er holte einen Hocker für die Magd und strich ihr übers Haar. „Beruhige dich, mein Schatz, und erzähl mir alles.“

Und dann begann sie zu erzählen. Vom Besuch und Verschwinden der alten Frau, ihrem Gang zum Markt, dem Flugblatt und der plötzlichen Verschiebung der Realitäten. Der Knecht blieb die ganze Zeit über still. Er lauschte aufmerksam, zog seine Augenbrauen immer mehr zusammen und schaute immer ungläubiger. Als sie geendet hatte, fragte er: „Du denkst du hast magische Fähigkeiten und kannst Worte zum Leben erwecken?“ Da sagte die Magd voller Überzeugung: „Ja das denke ich und laut der alten Frau muss ich damit etwas Sinnvolles machen. Ich möchte bei allen Menschen die Liebe zum geschriebenen Wort wecken. Ich möchte, dass sie in epische Liebesgeschichten eintauchen können, wilde Abenteuer erleben können, König eines ganzen Reiches sein können und all das sehen können, was bisher nur in unserer Fantasie existiert. Ich möchte ihnen allen lebendige Wörter bringen. Ich möchte, dass sie zu jedem Vollmond eine neue Geschichte bekommen, in die sie eintauchen können. In der sie ihren Alltag vergessen können. Ich möchte, dass unser ganzes Volk diese Möglichkeit bekommt. Hilfst du mir?“ Der Knecht schaute nicht weniger verwirrt drein und sagte „Ich kann mir nicht vorstellen, dass das funktioniert, dafür haben die Menschen mit Sicherheit keine Verwendung. Das ist doch nur etwas für Träumer. Aber du bedeutest mir alles, wenn du daran glaubst, dann stehe ich hinter dir.“ Das zauberte der jungen Magd ein Lächeln aufs Gesicht. „Das reicht mir“, sagte sie. „Komm mit mir, wir finden die schönsten Geschichten auf der Welt, bringen eine davon der Prinzessin, wenn sie zum nächsten Vollmond kommt. Sie wird so begeistert sein, dass die ganze Welt unsere Geschichten erleben möchte.“ Der Knecht war beeindruckt von dem Tatendrang der jungen Magd und nickte. „Na gut, lass es uns versuchen, ich mache den Karren startklar und wir suchen die besten Geschichten!“

***

Einen Vollmond später fuhren der Knecht und die Magd mit ihrem Karren vor dem Rathaus vor. Sie waren wochenlang gereist, hatten Gelehrte, Bibliotheken und Geschichtenerzähler besucht und die besten Geschichten der Welt im Gepäck. Die Prinzessin war ebenfalls frisch eingetroffen und dabei, die ersten Gaben zu empfangen. Die Magd und der Knecht schoben sich unter den Menschenstrom, der in das Rathaus strömte, um die junge Prinzessin zu empfangen. Die Magd schaute sich immer wieder ängstlich um, immer auf der Hut vor ihrer Bauersfamilie, derer sie entflohen war. Niemals mehr würde sie dorthin zurück gehen können. Auch der Knecht hatte alles für sie aufgegeben. Doch wenn die Prinzessin ihre Vorstellung erst sehen würde, brauchte sich die junge Magd nie mehr Sorgen um Geld oder ein Dach über dem Kopf zu machen, da war sie sich sicher.

Die junge Magd und der Knecht standen lange an, bis sie in den großen Saal gerufen wurden. Auf einem kleinen Thron saß die Prinzessin und sie sah genauso aus, wie damals auf dem Markt in der Parallelwelt. Der Knecht kriegte seinen Mund kaum mehr zu vor Staunen. Die Magd rempelte ihn von der Seite an, er schaute entschuldigend und zuckte mit den Schultern. Sie traten vor und die Magd ergriff das Wort. „Sehr verehrte Prinzessin, wir haben eine Gabe für sie. Eine Geschichte von einer Prinzessin, die sich in einen wunderschönen jungen Mann verliebt, ihren Thron ablehnt und zusammen mit der Liebe ihres Lebens in einem wunderschönen Schloss lebt, Kinder bekommt und auf ewig glücklich ist. Möchten Sie die Geschichte hören?“ Die Prinzessin schaute skeptisch und sagte „Ich bin nicht hier, um Geschichten zu hören. Aber mein Leben ist vorherbestimmt, ich werde niemals eine solche Geschichte im Palast hören, geschweige denn mit der Liebe meines Lebens ein traumhaftes Leben führen dürfen. Also los, junge Magd, erzählt mir die Geschichte.“ Die junge Magd holte ein Papier aus ihrer Tasche, auf dem die Geschichte der Prinzessin stand, aufgeschrieben von einer gefallenen Königin, der sie auf ihrer Reise begegnet war. Sie vollführte einen Kreis über dem Blatt Papier, überall stiegen Lichtpunkte auf und sie überreichte das Papier der Prinzessin. „Halten Sie es, dann werden sie die Geschichte fühlen.“ Die Prinzessin griff nach dem Papier und ihre Augen wurden glasig. Sie starrte geradeaus, schien von ihrer Umgebung nichts mehr mitzubekommen. Ihr Gesichtsausdruck veränderte sich immer wieder, sie lächelte scheu, dann lachte sie aus vollem Herzen, sie weinte bitterlich, weinte vor Freude, schlug sich die Hände vor den Mund.

Da wurden ihre Augen wieder klar. Sie schaute die junge Magd an und sagte „Das ist eine außergewöhnliche Gabe. Was gedenkt ihr damit zu tun?“ Die junge Magd schilderte der Prinzessin ihren Plan. Wie sie es vorausgesagt hatte, war die Prinzessin begeistert. Sie engagierte sie als offizielle Hüterin der Worte. Die Magd und der Knecht wurden von der Prinzessin eingeladen mit ihr im Palast zu leben und von nun an alle Menschen durch ihre Geschichten glücklich zu machen.

***

Der Palast war imposant und groß genug, sodass die Magd und der Knecht eine Halle zugewiesen bekamen, wo sie all die wunderschönen Geschichten sammeln konnten. Ihnen wurden Geschichten, Fragmente aus Tagebüchern, wunderschöne Bücher und Märchen zugetragen. Jeden Vollmond suchten sie eine der Geschichten aus, die Magd gab jeder von ihnen ihre besondere Note und sie verpackten die Geschichten in kleinen Bündeln. Pünktlich einen Tag vor dem nächsten Vollmond beluden sie zusammen mehrere Kutschen, welche sich dann auf den Weg ins ganze Land machten, um die Geschichten an die Bewohner auszuliefern. Die Büchse der verzaubernden Worte war geboren.

Die Magd und der Knecht arbeiteten Hand in Hand, sie taten, was sie liebten, und sie taten es zusammen. Im Palast unter der Hand der mittlerweile frisch gekrönten Königin scherte sich niemand um ihre Beziehung und sie konnten endlich zusammen sein. Die junge Magd konnte ihr Glück kaum fassen, die alte Frau hatte damals Recht gehabt. Wenn sie nur genug Gutes tun würde, würde das Glück ihr hold sein. So war es gekommen. Zur Körnung ihres Glückes erwarteten die beiden bald darauf ein Kind. Zu Ehren dieses baldigen neuen Wesens organisierte die Königin eine kleine, private Feier. Da die Magd und der Knecht nicht zur Adelsfamilie gehörten, durfte die Feier nicht in den Räumlichkeiten des Palastes stattfinden. Doch die Königin fand eine restaurierte Scheune, die für gewöhnlich zur Ausstellung von Kunst genutzt wurde. Als die Magd die Scheune zum ersten Mal sah, war sie direkt hin und weg. Sie lud ihre engsten Freunde ein suchte sich bei der Schneiderin der Königin ein wunderschönes Kleid aus, das sich um ihren runden Bauch schmiegte. Sie war unheimlich aufgeregt und voller Vorfreude. Noch nie wurde ihr zu Ehren ein Fest gefeiert.

Eine Freundin half ihr beim Ankleiden, Haare hochstecken und Puder auflegen. Zusammen gingen sie zu der Scheune. Sie war wunderschön festlich mit Lichtern und Blumen dekoriert. Es war Frühling und daher blühten die Blumen in allen möglichen Farben. Die Magd hatte noch nie etwas Vergleichliches gesehen. Ihre Freunde begrüßten sie, beglückwünschten sie und stießen auf sie an. Es floss viel Wein – natürlich nicht für die junge Magd – und es wurde Wild mit orientalischen Gewürzen und sogar Nachtisch gereicht. Die Magd fühlte sich wie im Himmel. Die Stimmung war ausgelassen, der Knecht zog sie immer wieder auf die Tanzfläche und sie bewegten sich zur Musik. Zum ersten Mal in ihrem Leben tanzte sie mit einem Mann und wünschte sich, dass dieser Moment niemals zu Ende gehen sollte. Da wurde es unruhig unter den Gästen. Die Magd schaute sich um und entdeckte am Eingang drei Unbekannte. Ungeladene Gäste auf ihrer Feier? Wer konnte das sein? Und was wollten sie?

Es waren drei Frauen, ungefähr im Alter der Magd. Die erste hatte kurzes, braunes Haar. Sie hatte wunderschön geschminkte Augen, trug ein auffälliges blaues Kleid und eine Krone auf dem Kopf. Die zweite hatte ihr braunes Haar hochgesteckt und eine Krone hineingesteckt, sie war so natürlich schön, dass sie keinerlei Puder brauchte und trug ein schlichtes weißes Kleid. Die dritte, die jüngste von ihnen hatte langes, blondes Haar, trug ein langes rotes, hochgeschlossenes Kleid. Auch sie trug eine Krone. Die Magd wusste nicht, wen von den drei Frauen sie zuerst anschauen sollte. Die drei Frauen schauten sich kurz in der Scheune um, als sie die junge Magd entdeckten kamen sie direkt auf sie zu. Die Frau im weißen Kleid fragte: „Seid ihr die freudig Erwartende und Erfinderin der Büchse der verzaubernden Worte?“ Die junge Magd erfüllte Stolz, dass jemand wusste wer sie war und was sie geschaffen hatte. Sie konnte nur schüchtern nicken. „Fantastisch, dann sind wir ja richtig. Ich bin Casparia, dies sind meine Schwestern Melchiora“, sie zeigte auf die Frau im roten Kleid, „und Balthasara.“ Sie zeigte auf die Frau im blauen Kleid. „Wir sind die Königinnen des Morgenlandes und uns ist zu Ohren gekommen welch wunderbare Arbeit du leistest. Unser Volk ist immer wieder begeistert über deine Geschichten, es war noch nie so zufrieden und glücklich wie zu dieser Zeit. Dafür möchten wir uns gerne im Namen aller bedanken. Wir bewundern deine Arbeit und möchten dir gerne ein bisschen unter die Arme greifen. Wir haben heute also drei Geschenke für dich, die wir dir gerne überreichen möchten, in der Hoffnung du nutzt diese weise und um noch mehr Menschen auf den rechten Weg zu führen.“

Casparia trat einen Schritt nach vorne und übereichte der jungen Magd eine Holzkiste. „Dies ist mein Geschenk an dich. Ich schenke dir Menschlichkeit. Ich weiß, du hast eine unglaublich tolle Gabe, aber vergiss niemals, was du bist und wo du herkommst. Stelle dich nie über die anderen und halte dich nicht für etwas Besseres. Je mehr du die Menschen verstehst und fühlst, desto bessere Arbeit wirst du auf deiner Mission vollbringen.“ Casparia verbeugte sich, ihre Krone glitzerte im einfallenden Licht und die junge Magd nickte dankend. Die Königin trat zur Seite und ihre Schwester Melchiora trat vor. Ihr Haar schimmerte golden und sie lächelte der jungen Magd freudig entgegen. Sie hielt eine goldene Kiste in der Hand und überreichte der Magd diese. „Auch ich möchte dir ein Geschenk machen. Dies ist eine Kiste voller Gold. Sie soll dir alle Möglichkeiten eröffnen, damit du noch mehr Menschen glücklich machen kannst. Jeder soll in den Genuss der Büchse kommen können und jeder soll von ihr wissen. Ich bin mir sicher du weißt das Gold weise anzulegen.“ Sie verbeugte sich und trat zur Seite. Die dritte Schwester, Balthasara, trat vor. Sie schaute ernst und abwesend, als wäre sie mit ihren Gedanken woanders. Nach einem kurzen Moment richtete sie ihren Blick auf die junge Magd. „Ich habe ebenfalls ein Geschenk für dich. Doch mein Geschenk ist anders. Es kommt nicht von mir. Es kommt von Gott.“ Sie hielt eine schimmernde, weiße Schachtel in der Hand und überreichte der Magd diese. „Der Herr segne dich und behüte dich; der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig; der Herr hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden.“ Mit einem kurzen Nicken trat Balthasara zur Seite.

Die junge Magd bedankte sich von ganzen Herzen bei den drei Königinnen. Sie lächelte. Sie fühlte sich geehrt, dass die drei Königinnen den langen Weg auf sich genommen haben, nur um der jungen Magd Geschenke zu überreichen. Wie hatte sie das nur verdient? Sie konnte in dem Moment nicht glücklicher sein und war sich sicher, die drei Geschenke gut einsetzen zu können. Die junge Magd verabschiedete sich von den drei Königinnen und beobachtet, wie sie auf den Ausgang zuschritten, lauter bewundernde Blicke im Rücken. Sie konnte es kaum abwarten, wieder an die Arbeit zu gehen. Doch das Schicksal hatte schon immer seinen eigenen Plan. Die junge Magd sah an sich hinunter und entdeckte eine Pfütze auf dem Boden. Ihre Augen weiteten sich, sie suchte panisch nach dem Knecht. Als er ihren geschockten Blick auffing, suchte er nach dem Grund dafür und kaum hatte auch er die Pfütze entdeckt, sprang er auf und eilte ihr zu Hilfe. Zusammen gingen sie so schnell wie möglich zur Hebamme der Stadt und machten sich für die baldige Geburt ihres Kindes bereit.

Nach zwanzig Stunden war das Kind auf der Welt. Es war ein Mädchen. Doch es war kein gewöhnliches Mädchen. Die Gabe der jungen Magd hatte dafür gesorgt, dass ihr Kind kein Mensch war, sondern eine Elfe. Sie hatte spitze Ohren und wunderschönes, langes, weißes Haar. Sie hatte hauchdünne Flügel und wurde von allen Seiten bewundert. Sie wuchs in einem liebevollen Umfeld im schönsten Palast der Welt auf. Doch die kleine Elfe interessierte sich nicht für schöne Kleider und Haarspangen, es wollte unbedingt seinen Eltern helfen. Es wollte Geschichten vorgelesen bekommen, diese erleben, es wollte Bündel schnüren und diese auf die Kutsche laden. Es lernte das Fliegen und plötzlich ergaben sich vollkommen neue Möglichkeiten. Anstatt die Bündel mit der Kutsche auszuliefern, begann die Familie, die kleine Elfe mit der Aufgabe zu betrauen, die Bündel fliegend zu den jeweiligen Menschen zu bringen. Es war wie eine Fügung des Schicksals, als wäre die kleine Elfe dafür bestimmt gewesen, in genau diese Familie hinein geboren zu werden.

***

Die Menschen waren begeistert und liebten die Geschichten der Magd. Sie waren begeistert über die Auswahl, die Abwechslung und die fantastischen Welten, in die sie eintauchen konnten. Doch der Magd fehlte etwas. Durch die Geschichten sollten alle Sinne angesprochen werden. Sie war der Meinung, dass ein Geruch fehlte.

Jeden sechsten Vollmond reiste ein fliegender Händler durch die Hauptstadt und die Magd machte es sich zur Aufgabe diesen abzufangen und bei ihm Düfte für ihre Büchse einzukaufen. Der fliegende Händler war berühmt für seine besonderen und exotischen Gaben aller Länder, aber auch verpönt für sein Verhandlungsgeschick, seine Arroganz und seine Launenhaftigkeit. Doch die Magd ließ sich nicht abschrecken. Sie sehnte dem Tag über Wochen hinweg entgegen. Sie zog sich ihr schönstes Kleid an und machte sich auf den Weg zum Marktplatz, wo der fliegende Händler landen sollte. Schon von weitem sah sie eine Traube Menschen, sie alle umringten den fliegenden Händler. Er hatte wundervolle Gaben aus aller Welt mitgebracht und die Menschen konnten ihm ihr hart erarbeitetes Geld nicht so schnell überreichen, wie sie die Sachen besitzen wollten. Die junge Magd drängelte sich nach vorne durch, knickste und stellte sich dem fliegenden Händler vor. Dieser schaute sie abschätzig an: „Kleine, du bist nicht die einzige mit tollen Fähigkeiten, ich würde an deiner Stelle vorsichtig sein, wem ich davon erzähle, du kannst gar nicht so schnell schauen, wie ich selbst etwas ähnliches hochgezogen habe!“ Die Magd war verdutzt. Was traute er sich? Ihr ihren Traum schlecht zu reden und gar stehlen zu wollen? Am liebsten hätte sie ihm eine seiner wundervoll duftenden Passionsduftflaschen ins Gesicht geklatscht, doch er war ein stolzer Mann und sie wollte diese Zusammenarbeit. Bei den Göttern, wie sehr sie sie wollte. Also lächelte sie und sagte: „Ich verstehe euch gut werter Herr, aber glauben Sie mir, ich bin die Beste auf diesem Gebiet. Auch Sie können sich daran bereichern. Ich kaufe bei Ihnen all meine Düfte ein, für jeden Vollmond einen anderen. Was sagen Sie?“ Und weil der fliegende Händler in erster Linie ein Geschäftsmann war, konnte er dieses Angebot natürlich nicht ablehnen. Er überreichte ihr die Düfte, nahm dafür unverschämt viel Geld, schenkte der Magd ein anzügliches Grinsen und verschwand. Von nun an wurden den Bündeln der Büchse immer die ausgefallensten und berauschendsten Düfte beigelegt. Die Menschen waren begeistert und erlebten die Geschichten von nun an auf einer ganz anderen Ebene.

Die Königin berichtete in der ganzen Welt von der Büchse der verzaubernden Worte und immer mehr Menschen wollten verzaubert werden. Die Magd und der Knecht kamen kaum hinterher all die Bündel vorzubereiten. Also schmiedeten sie einen Plan. Sie würden Helfer suchen müssen, doch um die richtigen zu finden brauchten sie Auswahl. Sie weihten die Königin in ihren Plan ein und diese hatte eine tolle Idee. Sie würde verkünden, dass Hilfen für die Büchse der verzaubernden Worte gesucht wurden, die Interessenten zum Palast reisen sollten und die Königin, die Magd und der Knecht zusammen eine Auswahlveranstaltung stattfinden lassen würden. Sie würden den Bewerbern verschiedene Aufgaben stellen und wer die Aufgaben am besten erfüllte, sollte die verantwortungsvolle Aufgabe übertragen bekommen.

Als der Tag der Auswahl gekommen war, waren die Magd und der Knecht mehr als überrascht welch wunderbare Arbeit die Königin geleistet hatte. Es waren über fünfzig Interessenten gekommen. Sie alle wollten bei der Büchse mithelfen. Die Magd war überwältigt. Sie sah große, kleine, dicke, dünne, Frauen, Männer und sie alle wollten sie bei ihrem Traum unterstützen. Stundenlang stellten sie den Bewerbern Fragen und Aufgaben, doch recht schnell kristallisierten sich drei heraus, die der Magd besonders auffielen. Es waren drei Zwerge, sie arbeiteten besonders genau, achteten auf jede Kleinigkeit und hatten ihr Ziel klar kommuniziert: Sie wollten, dass alle Menschen beim Auspacken ihres Bündels glücklich waren. Das war genau das, was die Magd gesucht hatte. Also wählte sie die drei Zwerge für die Arbeit als Packelfen aus. Natürlich nur metaphorisch gesprochen, denn leider gab es nicht viele Elfen wie ihre Tochter auf der Welt. Aber die Zwerge kamen mit ihren Fähigkeiten dem doch ziemlich nahe. Sie zeigte ihnen alles, was sie bis dahin gelernt hatte, doch die Zwerge kannten sich aus und in kürzester Zeit verbesserten und beschleunigten sie alle Arbeitsschritte, sodass die Magd sich zunehmend auf ihre Aufgaben und ihre besondere Fähigkeit konzentrieren konnte.

Eines Abends saß die junge Magd alleine in der Halle. Der Knecht war Zuhause bei ihrer Tochter, die Zwerge hatten für heute bereits alle Schluss gemacht. Doch die Magd war mit ihrer Arbeit noch nicht fertig. Sie hatte für den folgenden Vollmond noch keine Geschichte ausgewählt. Sie hatte von einem befreundeten Gelehrten bereits die Zusicherung einer Geschichte, an der er arbeitete, aber diese würde er nicht vor dem übernächsten Vollmond fertigstellen können. Da klopfte es am Tor. Die junge Magd schob den Riegel zur Seite und öffnete das Tor. Eine junge Frau mit geflochtenem Haar stand vor ihr. Die Magd hatte sie schon mal irgendwo gesehen, konnte sie aber nicht richtig zuordnen. Da grinste sie und stellte sich auch schon vor „Guten Abend, ich bin Elvira, die Zofe der Königin. Wir haben uns einmal kurz auf dem Korridor gesehen. Allerdings hat mir die verehrte Königin alles über Euer Geschäft erzählt. Erst einmal meine Glückwünsche, das ist wirklich beeindruckend. Ich weiß, dass Ihr bestimmt keine Hilfe nötig habt, aber ich habe möglicherweise etwas, das für euch von Interesse sein könnte.“ Sie zog eine Schriftrolle unter ihrem Kleid hervor und reichte sie der Magd. Diese griff danach, entrollte sie und überflog die geschriebenen Zeilen. Sie hatte erst ein paar Sätze gelesen, da wusste sie bereits, dass das die Geschichte für den nächsten Vollmond sein musste. Die Zofe erklärte ihr, dass sie die Schriftrolle aus der Tasche eines Gastes der Königin gestohlen habe. Das mache sie ab und zu, um mehr über die Welt zu erfahren und sich nicht auf den Informationen auszuruhen, die ihr im Palast zugetragen wurden. Die Magd hielt nichts von dem Beschaffungsweg, war allerdings so unglaublich begeistert von der Geschichte, dass sie sie trotzdem für den nächsten Vollmond auswählte. Die Menschen waren so entzückt wie nie über die Geschichte und wie sie mitgerissen wurden. Da traf die Magd mit der Zofe eine Abmachung. Sie würde weiterhin Ausschau nach besonderen Schriftstücken bei Gästen des Palastes halten, auch wenn das nicht ganz den Umgangsformen entsprach. Dafür würde die Magd die Geschichten in ihre Büchsen legen und mit der ganzen Welt teilen. So konnten alle Menschen erfahren, was wirklich in der Welt passierte, wer wirklich die Macht hatte und ob alles zugunsten des Volkes entschieden wurde oder die Mächtigen dem Volk Informationen vorenthielten und in ihre eigenen Taschen wirtschafteten. Die Zofe und die Magd sahen es als ihre Pflicht an, dem Volk das nicht vorzuenthalten. So entstanden eine wunderbare Freundschaft und Zusammenarbeit.

Die Magd konnte nicht fassen, wie sich ihr Leben entwickelt hatte. Sie lebte ihren Traum. Sie ging einer Arbeit nach, die sie liebte, erfüllte und die Menschen glücklich machte. Sie hatte tolle Freunde, einen hilfsbereiten Mann an ihrer Seite und eine wunderbare Tochter. Das Schicksal musste es sehr gut mit ihr gemeint haben. Oder war es einfach Glück? Vielleicht hatte die alte Frau sich damals auch einfach im Hof geirrt. Doch wie auch immer sie dazu kam, die Magd würde keinen Tag verschenken, jede Sekunde auskosten und noch viele weitere Büchsen der verzaubernden Worte kreieren und das Volk damit erfreuen. Ach ja, und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.